Wir verkaufen Ergonomie – und die ist mehr wert denn je

Interview mit HASEKE-Geschäftsführer Uwe Kunitschke

Schon vor 150 Jahren war das interdisziplinäre Feld der Ergonomie, das vor allem mit der Medizin und den Ingenieurwissenschaften verknüpft ist, Gegenstand von Experten- Untersuchungen. Doch obwohl dieser Bereich nun seit vielen Jahrzehnten beforscht und bearbeitet wird, hat er keinesfalls an Aktualität verloren. Ganz im Gegenteil, meint Uwe Kunitschke, Diplom-Ingenieur und Geschäftsführer des Tragsystem-Spezialisten HASEKE GmbH & Co. KG aus Porta Westfalica. Aus seiner Sicht hat die Hochzeit der Ergonomie gerade erst begonnen. Dass er dies nicht zuletzt aus demografischen Faktoren ableitet, war für unsere Redaktion ein guter Grund, ihn zu diesem Thema eingehender zu befragen.

 

Redaktion: Herr Kunitschke, als Ergebnis der Ergonomie-Forschung sind berufsbedingte Verletzungen und Krankheiten schon im letzten Jahrhundert deutlich zurückgegangen. Hat diese Disziplin damit ihre Schuldigkeit nicht schon im Wesentlichen getan?
 

Uwe Kunitschke: Sicherlich nicht. Es ist richtig, dass schon wichtige Fortschritte durch verbesserte Ergonomie erzielt wurden. Immissions- und Arbeitsschutz haben einen guten Job gemacht. Die gröbsten „Sündenfälle“ wurden ausgemerzt. Aber jetzt geht es weiter. Die Ergonomie rückt noch mehr in den Blickpunkt, weil bald zu wenig hochqualifizierte Mitarbeiter haben könnten.         
 

Redaktion: Was meinen Sie damit?
 

Uwe Kunitschke: Der demografischen Struktur unseres Landes geschuldet, wächst der Anteil der jeweils älteren Jahrgänge an der Bevölkerung zusehends. Die geburtenstarken Jahrgänge aus den 50er und 60er Jahren driften zunehmend in das Rentenalter. Angesichts der anhaltend geringen Geburtenzahlen strömt aber weniger gut ausgebildeter Nachwuchs in die Berufswelt. In der jetzt laufenden Hochkonjunktur verfügen wir noch über genügend Fachpersonal, das die entsprechenden Qualifikationen besitzt, aber angesichts der demografischen Entwicklung sind hier aufkommende Engpässe absehbar. Vor allem, um diesen Flaschenhals zu vermeiden, müssen wir die älteren Jahrgänge länger im Arbeitsleben halten. Von daher ist die jetzt angestoßene Diskussion um eine nochmalige Verschiebung des Renteneinstiegsalters auf 69 Jahre gut nachvollziehbar. Aber, und das ist die Kernfrage, können die älteren Jahrgänge denn überhaupt in dem Maße, in dem es volkswirtschaftlich notwendig ist, im Arbeitsleben verbleiben? Sind sie dazu gesund genug?
 

Redaktion: Da Deutschland generell ein Hochtechnologiestandort ist, und gerade unsere Exportwirtschaft von entsprechend fortschrittlichen Produkten und Dienstleitungen abhängig ist, denken Sie hier vermutlich nicht so sehr an schwerstarbeitende Berufsbilder wie Stahlkocher, Eisenbieger oder Asphaltierer, sondern eher an die besonders qualifizierten Arbeitskräfte in den Ingenieurs- und Facharbeiter-Laufbahnen?
 

Uwe Kunitschke: Völlig richtig. Wir können nicht mit den Arbeitskosten von Vietnam oder China mithalten. Die Prosperität unseres Landes bleibt deshalb vorrangig von innovativen und technologisch anspruchsvollen Branchen abhängig, wie zum Beispiel vom Maschinenbau, der Automobil-, der Medizin- und der Elektro-Industrie. Und hier ist das Humankapital immer mehr der ausschlaggebende Faktor. Wenn wir, national und international, die Nachfrage nach High-Tech-Produkten nicht mehr bedienen können, weil das benötigte Fachpersonal fehlt, dann würde das fatale Folgen für unser Land haben. Und dieser Zusammenhang löst jetzt ein Umdenken aus, weshalb die Bedeutung von Ergonomie konsequenterweise steigt.
 

Redaktion: Sie sagen also, wenn nicht ausreichend jüngere, gut ausgebildete Arbeitskräfte nachwachsen oder einwandern, dann müssen wir die Älteren länger fit halten?                
 

Uwe Kunitschke: Natürlich! Und daneben müssen wir generell die Krankheitstage aller Generationen im Blick behalten. Neuere Jahresreports der Techniker-Krankenkasse belegen, dass die meisten Krankheitsfehltage in den letzten Jahren auf  Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes zurückzuführen sind. Der Bewegungsapparat wurde oft über Jahre hinweg falsch belastet und nicht entlastet. Stichwort „Rückenleiden“, - die halten Arbeitnehmer typischerweise längerfristig vom Arbeitsplatz fern. Die erste Generation, die – im Büro wie in der Fertigung – vorwiegend am PC arbeitete, bekommt jetzt reihenweise ganz typische Beschwerdebilder. Und genau die produzieren eben nicht nur volkswirtschaftlich teure Anhäufungen von Fehltagen, sondern sie verhindern auch, dass ein hochqualifizierter und - bei den sich abzeichnenden Nachwuchsengpässen auch kaum zu ersetzender - älterer Fachmann in einer Fertigungsstraße auch mit 64 oder 67 noch seinen Job machen kann, weil seine Gesundheit durch ungesunde Arbeitsbedingungen im Laufe der Zeit quasi demontiert wurde.
 

Redaktion: Wie wollen Sie dem denn ganz konkret entgegenwirken?   
 

Uwe Kunitschke: Wir tun das seit langem, indem wir unsere Produkte so entwickeln, dass sie die menschliche Physiologie berücksichtigen. Ermüdungsfreies Arbeiten, das gerade für ältere Mitarbeiter von vitaler Bedeutung ist, und die Entlastung des Bewegungsapparates stehen immer im Zentrum unserer Produktvorgaben. Das ist eminent wichtig. Schauen Sie in die Fertigungsstraßen, wo oft morgens ein kleinerer und in der Spätschicht ein groß gewachsener Mitarbeiter den gleichen Arbeitsplatz abdecken müssen. HASEKE hat früh erkannt, dass stufenlos höhenverstellbare Systeme in der Lage sind, dieser physiologisch heterogenen Mitarbeiterschaft das Arbeiten massiv zu erleichtern. Unsere Liftsysteme HASEKE HMA 350 und HMA 380 sind genau entlang dieser Erfordernisse entwickelt worden, - auch unter dem Aspekt, dass jüngere Arbeitnehmer gerne im Sitzen, Ältere oft lieber im Stehen arbeiten. Arbeitsplätze müssen anpassungsfähig sein, - so dass in jeder Arbeitssituation und bei jedem Bediener die Konfiguration schnell und leichtgängig an dessen jeweils bevorzugte Haltung und Arbeitsweise angepasst werden kann. Das steht bei HASEKE ganz oben auf der Prioritätenliste. Wir verkaufen de facto Ergonomie. So erhalten wir Menschen gesund, weil Fehlhaltungen vermieden werden. Und die Bediener ermüden nicht so schnell, sondern fühlen sich wohl und sind damit automatisch leistungsfähiger. Darum bieten wir Tragsysteme und Gehäuse als elementare Bestandteile für Monitorintegrationen, anstatt die Bildschirme starr im Schaltschrank oder an einer Maschine zu befestigen. Man soll sie „mitnehmen“ können.
 

Redaktion: Und außerhalb der Fertigungslinien?           
 

Uwe Kunitschke: Es gibt zahllose Beispiele. Auch die der Ergonomie sehr nahe stehende Medizin selbst zählt dazu: Dass ein Chirurg bei der Operation Informationen benötigt, die er von Bildschirmen abruft, ist ja schon sehr lange so. Früher musste er dabei immer wieder über die Schulter nach hinten blicken. Die Bildschirme konnten aber nicht in seinem Sichtbereich fixiert werden, weil sie dort die Bewegungsabläufe behindert hätten. Erst seit fünf bis zehn Jahren sorgen unsere modernen Schienensysteme dafür, dass die OP-Ampeln, die heute mit 6 oder mehr Informationsschirmen bestückt sind, je nach Bedarf in den Sichtbereich des OP-Teams hereingefahren und dort ständig optimal platziert werden können, auf Knopfdruck. Gerade den qualifizierten Fachkräften hilft wirklich ergonomische Arbeitsplatzgestaltung in erheblichem Maße. Und sie stärkt deren Wirkungsgrad und verbessert die Arbeitsergebnisse.
 

Redaktion: Das klingt eingängig und ist absolut nachvollziehbar. Warum sind denn solch moderne, ergonomische Arbeitsplatzgestaltungen heute noch nicht gang und gäbe?    
 

Uwe Kunitschke: Vielleicht weil zu viele Unternehmen die Kosten-Nutzen-Rechnung nicht komplett zu Ende kalkuliert haben. Der Wert des einzelnen, gut ausgebildeten und erfahrenen  Arbeitnehmers rückt aber jetzt, wegen der vorhersehbaren Nachwuchsknappheit, immer stärker ins Bewusstsein der Chefetagen. Und heute erkennen die immer mehr, wie einmalige, überschaubare Investitionen in Ergonomie langfristig enorme Kostenvorteile und Produktivitätsschübe liefern können.
 

Redaktion: Herr Kunitschke, wir danken Ihnen sehr für das interessante Gespräch.